Ein Wort pro Tag

GROSSE STIMMEN · EINES PRO TAG
Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert.
— Sokrates, 399 v. Chr.
Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert.
— Sokrates, 399 v. Chr.

Nach Platons Bericht fiel der Satz 399 v. Chr. vor Gericht, nach dem Schuldspruch.

4 Gedanken

Platon, Apologie des Sokrates, 38a

Sokrates hat selbst nichts verfasst; die Worte stehen in Platons Darstellung seiner Verteidigungsrede. Nach dem Schuldspruch beantragte Anytos den Tod, und Sokrates musste eine eigene Strafe vorschlagen. Man könnte ihm, so stellt er sich vor, entgegenhalten, er solle doch schweigen und unbehelligt in einer fremden Stadt leben. Er antwortet, das hieße dem Gott ungehorsam sein; täglich über die Tugend zu sprechen und sich und andere zu prüfen, sei das höchste Gut des Menschen.

Der berühmte Satz begründet, warum er diesen Ausweg ablehnt; ein losgelöster Wahlspruch ist er nicht. Sich und andere im Gespräch zu prüfen, macht für Sokrates ein menschliches Leben erst lebenswert. Dies gegen Sicherheit einzutauschen hieße, am Leben zu bleiben und dabei zu verlieren, was es lebenswert macht.

der_wanderer · 11. Apr. 2016
Lange Spaziergänge sind für mich genau das: ein prüfendes Nachdenken über das eigene Leben. Schön, den Satz gleich am Morgen zu lesen.
Jonas W. · 2. Okt. 2017
Hatten wir im Philosophie-Leistungskurs. Damals fand ich ihn anstrengend, heute halte ich mich an ihm fest.
stille_leserin · 19. Feb. 2019
Ich lese hier sonst nur mit, aber bei diesem Spruch muss ich doch etwas schreiben: Ich frage mich seit Wochen, ob ich mein Leben eigentlich lebe oder nur verwalte.
Katharina S. · 7. Mai 2021
@stille_leserin der Unterschied zwischen leben und verwalten geht mir seit deinem Kommentar nicht mehr aus dem Kopf. Danke dafür.
Der Anfang ist der wichtigste Teil der Arbeit.
— Platon, um 375 v. Chr.

Platon legt den Satz Sokrates in den Mund, im Gespräch mit Adeimantos über Erziehung.

3 Gedanken

Platon, Der Staat (Politeia), Buch II, 377a

Der „Staat“, um 375 v. Chr. verfasst, handelt von der Gerechtigkeit. Im zweiten Buch schlägt Sokrates vor, die Erziehung „unserer Helden“ gleichsam als Geschichte zu erzählen. Die Musik müsse vor der Gymnastik kommen, sagt er, denn Kindern erzähle man Geschichten, ehe sie alt genug für Leibesübungen seien. Der Satz geht weiter: besonders bei allem, was jung und zart ist, denn dann wird es geformt und nimmt jedes gewünschte Gepräge an.

Gemeint ist jedes Werk, nicht eine bestimmte Arbeit; Sokrates wendet den Gedanken aber sogleich auf Kinder an, deren Charakter sich früh bildet. Daraus folgert er, die Verfasser von Geschichten seien zu zensieren, und Mütter und Ammen sollten den Kindern nur gebilligte Geschichten erzählen. Der Anfang zählt hier als die Zeit, in der ein Mensch am leichtesten geprägt wird.

Lena K. · 23. Jan. 2017
Sitze mit einem leeren Notizbuch da und traue mich nicht, die erste Seite zu beschreiben. Der Satz trifft genau.
buchfink · 8. März 2019
@Lena K. schreib einfach mittendrin an und lass die erste Seite frei. So mache ich das seit Jahren, und plötzlich ist der Anfang kein Berg mehr.
K. Brandt · 16. Jan. 2021
Bei mir ist es eher der zweite Tag. Anfangen geht mit Schwung, aber sich am nächsten Morgen wieder hinzusetzen, wenn der Reiz verflogen ist, das ist die eigentliche Arbeit.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ebenso wenig ein einzelner schöner Tag.
— Aristoteles, um 330 v. Chr.

Aristoteles schrieb „Frühling“, nicht „Sommer“, und sprach vom Glück eines ganzen Lebens.

Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, Kap. 7, 1098a

Die gedruckte Fassung ist frei wiedergegeben und verkürzt. Im Griechischen macht eine Schwalbe keinen Frühling, auch ein einziger Tag nicht; den „schönen“ Tag fügten englische Übersetzer hinzu, den Sommer das deutsche Sprichwort. Der Satz geht weiter: So mache auch ein Tag oder eine kurze Zeit niemanden selig und glücklich. Das Bild selbst war ein griechisches Sprichwort, das die byzantinische Suda verzeichnet.

Das deutsche Sprichwort warnt davor, ein einzelnes gutes Zeichen schon für die Wende zu halten. Aristoteles geht es um mehr: Das Glück des Menschen ist für ihn eine Tätigkeit, die sich über ein ganzes, vollständiges Leben bemisst. Ein einzelner Tag macht noch kein glückliches Leben, so wenig wie eine Schwalbe den Frühling.

Nur weniges ist nötig für ein glückliches Leben; alles liegt in dir selbst, in deiner Art zu denken.
— Mark Aurel, um 175 n. Chr.

Nur die erste Hälfte steht so in Mark Aurels Notizen, die er für sich selbst schrieb.

6 Gedanken

Mark Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch 7, 67

Die gedruckte Fassung ist frei wiedergegeben. In 7,67 der Selbstbetrachtungen, die Mark Aurel zur eigenen Anleitung schrieb, steht nur, zum glücklichen Leben sei sehr wenig nötig; der Zusatz über die Art zu denken fehlt. Weiter mahnt er sich: Habe er auch die Hoffnung aufgegeben, es in Dialektik und Naturphilosophie weit zu bringen, so müsse er darum nicht aufhören, frei, bescheiden, gemeinschaftsfähig und Gott gehorsam zu sein.

Mark Aurel tröstet sich hier selbst: Das Glück hängt nicht an gelehrtem Können. Der hinzugefügte Gedanke ist ihm dennoch nicht fremd. Anderswo schreibt er, nirgends ziehe man sich ruhiger zurück als in die eigene Seele (4,3), und die Seele werde von ihren Gedanken gefärbt (5,16). Die freie Fassung trägt so in 7,67 hinein, was er an anderer Stelle selbst sagt.

morgenleserin · 29. Feb. 2016
Gerade erst auf diese Seite gestoßen. Ein Spruch am Tag, mehr brauche ich morgens wirklich nicht. Passt ja zum Thema.
H. Vogel · 14. Juni 2018
Mein Garten, ein Stuhl, eine Tasse Kaffee. An manchen Tagen passt mehr Glück gar nicht in mich hinein.
regentag · 15. Okt. 2019
Die Hecke am Feldrand ist bei schlechter Laune nur Gestrüpp. Mit etwas Ruhe hängen plötzlich Hagebutten darin, und ein Zaunkönig zetert.
Annelie · 3. Nov. 2020
Mit siebzig merkt man erst, wie recht er hat. Das meiste, was ich früher für nötig hielt, steht heute im Keller.
Tobias R. · 21. Sept. 2023
Nach dem Umzug in die kleine Wohnung dachte ich, mir fehlt etwas. Es fehlt mir nichts.
altes_heft · 10. Okt. 2026
Seit den Anfängen schreibe ich mir hier jeden Morgen einen Satz ab. Dieser steht in meinem Heft gleich dreimal, an verschiedenen Stellen.
Verschwende keine Zeit mehr damit, darüber zu streiten, was ein guter Mensch sein soll. Sei einer.
— Mark Aurel, um 175 n. Chr.

Mark Aurel richtete diese Mahnung an sich selbst, in seinen privaten Aufzeichnungen.

1 Gedanke

Mark Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch 10, 16

Die Selbstbetrachtungen enthalten die privaten Notizen des Kaisers, der von 161 bis 180 n. Chr. herrschte, und seine Überlegungen zur stoischen Philosophie. Im Griechischen ermahnt er sich, überhaupt nicht mehr darüber zu reden, wie ein guter Mann sein soll, sondern ein solcher zu sein. Das „Streiten“ stammt aus Staniforths freierer englischer Übersetzung von 1964. Im Eintrag davor erinnert er sich, dass ihm nur noch wenig Leben bleibt.

Der Satz ist an den Schreiber selbst gerichtet: Mark Aurel ruft sich vom Erörtern zum Handeln zurück. Die Antwort auf die Frage nach dem guten Menschen liegt für ihn im eigenen Leben, nicht im Gespräch darüber. Er verlangt auch, die Menschen sollten einen wirklichen Mann sehen, der nach der Natur lebt.

M. Baumgartner · 17. Aug. 2022
Ich habe heute aufgehört, in einer Diskussion recht haben zu wollen, bin stattdessen rausgegangen und habe meinem Nachbarn beim Tragen geholfen. Dieser Satz war schuld.
Wir leiden öfter in der Einbildung als in der Wirklichkeit.
— Seneca, um 63 n. Chr.

Seneca schrieb es im Ruhestand an Lucilius, den damaligen Prokurator von Sizilien.

3 Gedanken

Seneca, Briefe an Lucilius, Brief 13, 4

Die Briefe an Lucilius schrieb Seneca am Ende seines Lebens, nachdem er sich aus dem Dienst bei Kaiser Nero zurückgezogen hatte. Beim englischen Übersetzer Richard Mott Gummere trägt Brief 13 den Titel „Über grundlose Ängste“. Mehr Dinge erschrecken uns, als uns erdrücken, schreibt Seneca, und öfter quält uns die bloße Meinung als die Sache selbst. Das lateinische Wort ist opinione, Meinung; „Einbildung“ folgt Gummeres englischem „imagination“. Er betont, er spreche hier nicht in der Sprache der Stoiker, sondern in milderem Ton.

Sein Rat folgt im selben Brief: nicht unglücklich zu sein, bevor die Krise kommt, denn die gefürchteten Gefahren treffen vielleicht nie ein. Seneca trennt also, was wirklich drückt, von dem, was nur droht. Viel Leiden entsteht aus der Meinung über Kommendes, nicht aus dem, was geschieht.

nachtleser · 4. Dez. 2018
Um drei Uhr nachts stimmt dieser Satz besonders. Was ich mir da ausmale, ist morgens immer eine Nummer kleiner.
Clara M. · 30. Juni 2021
Vor der OP habe ich mir alles Schlimme ausgemalt. Der Eingriff selbst war halb so wild. Seneca hatte recht.
nachtleser · 2. Feb. 2023
@Clara M. genau so. Das Warten ist immer schlimmer als die Sache selbst.
Nicht dass wir eine kurze Zeit zum Leben hätten, sondern dass wir viel davon vergeuden.
— Seneca, um 49 n. Chr.

Seneca schrieb es um 49 n. Chr. an Paulinus, der Roms Getreideversorgung leitete.

4 Gedanken

Seneca, Von der Kürze des Lebens, Kap. 1, 3

Die Schrift richtet sich an Paulinus, laut dem englischen Übersetzer John W. Basore wohl ein naher Verwandter von Senecas Frau. Seneca nimmt eine alte Klage auf: Auch berühmte Männer hätten die Kürze des Lebens beklagt, so der größte der Ärzte mit dem Wort, das Leben sei kurz, die Kunst lang. Dagegen stellt er: Wir haben nicht wenig Zeit, sondern haben viel davon verloren. Das Leben sei lang genug, wenn es als Ganzes gut angelegt werde.

Seneca meint also das Gegenteil dessen, was der Titel erwarten lässt. Im selben Kapitel heißt es, das Leben, das wir empfangen, sei nicht kurz, wir machten es dazu. Ob ein Leben kurz ist, entscheidet demnach weniger seine Dauer als die Art, wie es verwendet wird.

Jonas W. · 6. Sept. 2016
Mit 24 denkt man, man habe alle Zeit der Welt. Der Satz macht mir trotzdem ein schlechtes Gewissen wegen gestern Abend (drei Stunden Handy).
stille_leserin · 11. Nov. 2018
Ich habe mir ausgerechnet, wie viele Samstage mir statistisch noch bleiben. Seitdem verbringe ich sie anders.
K. Brandt · 3. Sept. 2019
Seneca schimpft im Rest der Schrift vor allem auf die Vielbeschäftigten, kaum auf die Faulen. Ein voller Tag ist noch lange kein genutzter.
Annelie · 25. Apr. 2020
@stille_leserin diese Rechnung sollte man mit zwanzig machen, nicht mit sechzig. Aber besser spät als nie.
Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Vorstellungen von den Dingen.
— Epiktet, um 108 n. Chr.

Überliefert hat den Satz Arrian, Epiktets Schüler, in einem Handbuch aus dessen Lehre.

2 Gedanken

Epiktet, Handbüchlein der Moral (Encheiridion), Kap. 5, nach Arrian

Das Handbuch ist eine knappe Sammlung praktischer Lehrsätze, die Arrian um 125 n. Chr. aus Epiktets Unterricht zusammenstellte. Arrian hörte Epiktet als junger Mann um 108 und wollte das Gehörte möglichst in dessen eigenen Worten festhalten. Im fünften Kapitel folgt ein Beispiel: Der Tod sei nichts Schreckliches, sonst wäre er auch Sokrates so erschienen; schrecklich sei die Meinung, er sei schrecklich.

Für „Vorstellungen“ steht im Griechischen dógmata: Urteile über die Dinge. Epiktet verlegt die Quelle der Unruhe von den Ereignissen in das Urteil über sie. Der Ungebildete, heißt es weiter, gibt anderen die Schuld an seinem Unglück, der Anfänger sich selbst, der vollendet Gebildete keinem von beiden.

M. Baumgartner · 15. Mai 2019
Mein Chef hat heute dasselbe gesagt wie immer, aber es hat mich nicht getroffen. Lag nicht an ihm, lag an mir.
Lena K. · 28. Jan. 2021
Versuche das meinen Kindern beizubringen und scheitere täglich. An mir selbst übrigens auch.
Sage dir zuerst, was du sein willst; und dann tue, was du zu tun hast.
— Epiktet, um 108 n. Chr.

Der Satz eröffnet ein Lehrgespräch Epiktets gegen jene, die zur Schau lesen und vortragen.

Epiktet, Lehrgespräche, Buch 3, Kap. 23, 1, nach Arrian

Die Lehrgespräche hat Arrian aufgezeichnet, möglichst in Epiktets eigenen Worten. Kapitel 3,23 richtet sich gegen jene, die lesen und disputieren, um sich zu zeigen. Epiktet fragt den angehenden Redner, ob er nützen oder gelobt werden wolle, und nennt die Schule eines Philosophen eine ärztliche Praxis, die man mit Schmerz verlässt, nicht mit Vergnügen. Die geläufige Fassung des Satzes geht auf Elizabeth Carters englische Übersetzung von 1758 zurück.

Der Satz ist also keine Anleitung zum Planen, sondern ein Maßstab für den Redner. Im Griechischen heißt es, man solle sich zuerst sagen, wer man sein wolle, und dann dementsprechend tun, was man tut; so legten auch Athleten zuerst fest, was sie werden wollten. Gemeint ist nicht, alles Nötige zu tun, sondern das eigene Tun nach dem gewählten Ziel auszurichten.

Niemand steigt zweimal in denselben Fluss.
— Heraklit, um 500 v. Chr.

Das „zweimal“ steht erst bei Platon und Plutarch, nicht in Heraklits Flussfragment.

4 Gedanken

Heraklit, Fragment B12; „zweimal“ nach Platon, Kratylos 402a

Die gedruckte Fassung ist frei wiedergegeben. Heraklit war um 500 v. Chr. in Ephesos tätig; seine Sätze über den Fluss sind in Zitaten späterer Autoren erhalten. In Platons „Kratylos“ berichtet Sokrates, nach Heraklit bewege sich alles und nichts bleibe; zweimal könne man nicht in denselben Fluss steigen. Bei Plutarch findet sich eine ähnliche Fassung. Als einziges echtes Flussfragment gilt Forschern wie Kirk und Marcovich B12, das Eusebius überliefert: „Denen, die in dieselben Flüsse steigen, strömen andere und wieder andere Wasser zu.“

In B12 bleiben die Flüsse dieselben, während ihr Wasser stets ein anderes ist. Das Fragment lässt sich unter anderem als Aussage über das Zusammenfallen der Gegensätze lesen. Platons Bericht hebt den Wandel hervor; in B12 stehen Beständigkeit und Wechsel nebeneinander.

der_wanderer · 19. Juli 2017
An meinem Hausfluss gehe ich jeden Tag vorbei. Nie ist er derselbe, und ich bin es auch nicht. Schöner Gedanke für den Morgen.
buchfink · 3. Feb. 2020
Ich lese Bücher aus der Jugend wieder und es sind andere Bücher. Oder ich bin ein anderer Leser. Vermutlich beides.
Clara M. · 22. Okt. 2022
Nach der Scheidung ist dieser Satz tröstlich. Nichts bleibt, auch der Schmerz nicht.
der_wanderer · 1. Juni 2025
@buchfink dasselbe mit Wanderwegen. Derselbe Pfad fühlt sich jedes Jahr neu an, selbst wenn kein Stein sich verschoben hat.
Die Sonne ist jeden Tag neu.
— Heraklit, um 500 v. Chr.

Aristoteles zitiert die Worte gegen die Lehre, die Sonne nähre sich von Feuchtigkeit.

Heraklit, Fragment B6, nach Aristoteles, Meteorologie, Buch II, 355a

Heraklit war um 500 v. Chr. in Ephesos tätig; Aristoteles zitiert seine Worte in der „Meteorologie“. Er hält es für abwegig, dass die Sonne sich von der Feuchtigkeit nähre, die sie aufsteigen lässt, so wenig wie Feuer vom Wasser über ihm. Wäre es so, wäre die Sonne nicht nur, wie Heraklit sagt, jeden Tag neu, sondern in jedem Augenblick. Diels druckt als Fragment B6 nur „neu jeden Tag“; das Übrige gehört Aristoteles.

Der Satz gehört also in eine Debatte über die Natur der Sonne, nicht in eine Lehre vom Neuanfang. Nach Diogenes Laertios dachte sich Heraklit die Gestirne als Schalen, in denen helle Ausdünstungen als Flammen brennen; die Flamme der Sonne sei die hellste und heißeste. Die täglich neue Sonne steht damit seinen Gedanken über die Flüsse nahe.

Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, hast du alles, was du brauchst.
— Cicero, 46 v. Chr.

Cicero schrieb im Juni 46 v. Chr. an Varro, von einem Garten in dessen Bibliothek.

4 Gedanken

Cicero, Briefe an Freunde (Ad familiares) 9,4, an Varro

Die gedruckte Fassung ist frei wiedergegeben. Cicero schrieb aus Tusculum einen kurzen, scherzhaften Brief an Varro über einen geplanten Besuch: Komme Varro, sei sein Kommen „notwendig“, komme er nicht, sei es „unmöglich“; bleibe Varro aus, werde eben Cicero zu ihm eilen. Darauf folgt der Satz: „Wenn du einen Garten in deiner Bibliothek hast, wird nichts fehlen.“

Was ein Garten in der Bibliothek sein soll, ist nicht sicher. Der Übersetzer Shuckburgh, der den Ausdruck selbst seltsam findet, vermutet dahinter einen Garten, in dem man wie die Philosophen der Akademie sitzt und sich unterhält. Ciceros Satz gilt jedenfalls dem Besuch. Erst der spätere Gebrauch machte daraus die Maxime, ein Garten und eine Bibliothek seien alles, was ein Mensch braucht.

H. Vogel · 20. Mai 2016
Habe beides, also fehlt mir laut Cicero nichts. Stimmt sogar, meistens.
buchfink · 14. Apr. 2019
Der Garten fehlt mir in der Mietwohnung, aber die Bibliothek wächst dafür in alle Zimmer. Cicero hätte ein Auge zugedrückt.
regentag · 24. Juni 2024
Mein Bücherregal besteht mittlerweile zur Hälfte aus Bestimmungsbüchern. Bei mir hat der Garten die Bibliothek längst erobert.
H. Vogel · 9. Sept. 2024
@buchfink Balkonkästen zählen auch. Fang klein an, zwei Töpfe Kräuter reichen für den Anfang.
Dankbarkeit ist nicht nur die größte der Tugenden, sondern die Mutter aller anderen.
— Cicero, 54 v. Chr.

Cicero sagt es 54 v. Chr. in einem Prozess um Wahlvergehen, als Verteidiger des Plancius.

1 Gedanke

Cicero, Rede für Plancius (Pro Plancio) 80

Gnaeus Plancius war von Marcus Iuventius Laterensis angeklagt worden; beide hatten Cicero im Exil 58–57 v. Chr. beigestanden, Plancius hatte ihn als Quästor in seinem Amtssitz in Thessalonike aufgenommen. Der Ankläger warf Cicero vor, diese Wohltat zu übertreiben; Cicero hielt dagegen, über seine Dankbarkeit urteile er selbst. Unmittelbar vor dem Satz sagt er, nichts wolle er lieber, als dankbar zu sein und auch so zu erscheinen.

Seine Dankbarkeit stand in diesem Prozess selbst zur Debatte, und er preist sie als öffentliche wie private Tugend. Sie ist für ihn die Mutter aller übrigen Tugenden: Gleich darauf leitet er aus ihr die Liebe zu den Eltern und den Bürgersinn ab. Wer empfangene Hilfe anerkennt, legt den Grund für die anderen Tugenden.

Bettina R. · 27. Nov. 2024
Ich führe seit einem Jahr ein Dankbarkeitsheft, drei Zeilen am Abend. Dass daraus Geduld und Milde wachsen, merke ich erst jetzt. Cicero wusste das schon.
Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man nicht weiß – das ist wahres Wissen.
— Konfuzius, um 500 v. Chr.

Überliefert als Wort des Konfuzius an seinen kühnen, vorschnellen Schüler Zilu.

Konfuzius, Gespräche (Analekten) 2,17

Die Gespräche sammeln Aussprüche, die Konfuzius (um 551–479 v. Chr.) zugeschrieben werden; der Überlieferung nach stellten seine Anhänger sie zusammen, große Teile entstanden wohl erst in der Zeit der Streitenden Reiche. Abschnitt 2,17 beginnt mit „Der Meister sprach“ und einer Anrede: „Yu, soll ich dich lehren, was Wissen ist?“ Gemeint ist Zhong You, genannt Zilu, einer der bekanntesten Schüler. Die Gespräche zeigen ihn als tapfer und vorschnell, dem Lernen abgeneigt, zum Handeln bereit.

An einen solchen Schüler gerichtet, verlangt der Satz Redlichkeit nach beiden Seiten: das Gewusste als gewusst gelten zu lassen und das Nichtgewusste als nicht gewusst. Das Chinesische schließt schlicht mit „das ist Wissen“; das „wahre“ ist ein Zusatz. Zum Wissen gehört, die Grenze des eigenen Wissens ehrlich anzuerkennen.

Lernen ohne Denken ist vergebliche Mühe; Denken ohne Lernen ist gefährlich.
— Konfuzius, um 500 v. Chr.

Überliefert in den Gesprächen, wo Konfuzius auch erzählt, wie er vergeblich nachdachte.

2 Gedanken

Konfuzius, Gespräche (Analekten) 2,15, nach James Legge

Die Gespräche leiten den Spruch mit „Der Meister sprach“ ein. Viele Forscher nehmen an, dass die Sammlung über rund zweihundert Jahre in der Zeit der Streitenden Reiche entstand; Konfuzius lebte etwa 551–479 v. Chr. Das Chinesische stellt zwei Hälften gegeneinander: Lernen ohne Denken endet in 罔, Verwirrung, Denken ohne Lernen in 殆, Gefahr. „Vergebliche Mühe“ folgt James Legges englischem „labour lost“.

Gemeint ist kein Vorrang des Denkens vor dem Lernen. An anderer Stelle (15,30) erzählt Konfuzius, er habe einen ganzen Tag nicht gegessen und eine Nacht nicht geschlafen, um nachzudenken; es habe nichts genützt, besser sei es zu lernen. Nach einem weiteren Spruch kann andere lehren, wer altes Wissen pflegt und stets Neues dazugewinnt. Beides gehört zusammen: Lernen ohne Nachdenken verwirrt, Denken ohne Lernen bringt in Gefahr.

Katharina S. · 12. Sept. 2018
Hänge mir diesen Satz übers Pult. Meine Schüler lernen Vokabeln und denken nicht, ich denke und müsste mehr lernen. Beides gefährlich.
Jonas W. · 4. März 2022
@Katharina S. als ehemaliger Auswendiglerner kann ich bestätigen: Das Wissen war nach der Klausur weg. Erst beim Nachdenken blieb etwas hängen.
Das Harte und Starre ist Gefährte des Todes, das Weiche und Schwache Gefährte des Lebens.
— Laotse, um 300 v. Chr.

Davor steht die Beobachtung: Menschen und Pflanzen sind im Leben weich, im Tod starr.

Laotse, Tao te king, Kapitel 76

Kapitel 76 beginnt beim Menschen: bei der Geburt weich und schwach, im Tod hart und starr; ebenso Gräser und Bäume. Das Buch wird traditionell Laotse zugeschrieben, dessen geschichtliche Existenz umstritten ist. Das Kapitel fehlt unter den Bambustäfelchen von Guodian, dem ältesten Fund, und ist zuerst in den Seidenhandschriften von Mawangdui belegt, aus einem Grab von 168 v. Chr.

Dann wendet das Kapitel das Bild auf Heer und Baum an: Ein Heer, das auf seine Stärke baut, siegt nicht, ein starker Baum ruft den Holzfäller herbei; das Harte steht unten, das Weiche und Schwache oben. Gemeint ist mehr als Biegsamkeit: Wer auf Gewalt und starre Kraft setzt, steht auf der Seite des Todes. An anderer Stelle heißt es, alle Welt wisse, dass das Weiche das Harte überwindet, doch niemand handle danach.

Andere zu kennen ist Weisheit; sich selbst zu kennen ist Erleuchtung.
— Laotse, um 300 v. Chr.

Der Satz eröffnet Kapitel 33; dort wiegt der Sieg über sich mehr als der über andere.

Laotse, Tao te king, Kapitel 33

Kapitel 33 reiht knappe Gegenüberstellungen aneinander: Wer andere kennt, ist klug (智); wer sich selbst kennt, ist klarsichtig (明). Wer andere besiegt, hat Kraft; wer sich selbst besiegt, ist stark. Wer sich mit seinem Los begnügt, ist reich. Das Buch wird traditionell Laotse zugeschrieben, dessen geschichtliche Existenz umstritten ist; die ältesten Fragmente stammen aus der Zeit um 300 v. Chr.

„Erleuchtung“ ist hier kein buddhistischer Begriff: 明 bedeutet Klarheit, klares Sehen. Der Kommentar in der Ausgabe Wang Bis sagt, andere zu kennen sei bloße Klugheit; wer sich selbst kennt, steige darüber hinaus. Der Blick auf andere macht scharfsinnig, erst der ehrliche Blick auf sich selbst macht klar, und die Herrschaft über sich selbst wiegt schwerer als die über andere.

War ich ein Mensch, der träumte, ein Schmetterling zu sein, oder bin ich ein Schmetterling, der jetzt träumt, ein Mensch zu sein?
— Zhuangzi, um 325 v. Chr.

Das chinesische Original erzählt den Traum in der dritten Person, als Traum Zhuang Zhous.

3 Gedanken

Zhuangzi, Kapitel 2 („Über die Gleichheit der Dinge“), nach Herbert A. Giles

Die Geschichte schließt das zweite Kapitel und ist die berühmteste des Buches. Zhuang Zhou träumt, ein Schmetterling zu sein, flatternd und froh, und weiß nichts von Zhou; dann erwacht er und ist wieder Zhou. Das „Ich“ und den „Menschen“ der Frage hat erst Giles’ englische Übersetzung von 1889. Das Kapitel gehört zu den inneren, die als Werk Zhuang Zhous selbst galten; er wirkte in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr.

Eine Antwort darauf, wer wen träumt, gibt die Geschichte nicht. Sie schließt: Zwischen Zhou und dem Schmetterling muss es einen Unterschied geben; das nennt man die Wandlung der Dinge. Der Text spielt mit der Verwandlung und behandelt die Grenze zwischen Wachen und Träumen als eine weitere falsche Entgegensetzung. Die Dinge bleiben unterschieden und gehen doch ineinander über.

nachtleser · 8. Apr. 2020
Nach einem lebhaften Traum heute früh genau dieses Gefühl. Welche Seite ist eigentlich die wache?
Clara M. · 19. Juli 2023
Mein Sohn hat mich gefragt, woher ich weiß, dass ich nicht träume. Ich hatte keine gute Antwort. Zhuangzi offenbar auch nicht, und das beruhigt mich.
buchfink · 15. Dez. 2025
Lese das über die Jahre hier nun zum dritten Mal, und der leise Schwindel wird nicht kleiner. Zum Glück.
Alles, was wir sind, ist das Ergebnis dessen, was wir gedacht haben.
— Buddha, um 450 v. Chr.

Erster Vers des Dhammapada, bekannt in Max Müllers freier Übersetzung von 1870.

3 Gedanken

Buddha zugeschrieben, Dhammapada, Vers 1, frei wiedergegeben nach Max Müller

Das Dhammapada sammelt Verse, die der Überlieferung nach der Buddha, ein Wanderlehrer des 6. oder 5. Jahrhunderts v. Chr., bei verschiedenen Gelegenheiten sprach. Im Pali heißt es: Der Geist geht den Regungen voran, ist ihr Haupt, sie sind von ihm geprägt. Der Vers geht weiter: Wer mit getrübtem Geist spricht oder handelt, dem folgt Leid wie das Rad dem Fuß des Zugochsen.

Gemeint ist die Gesinnung, aus der Reden und Tun kommen. Die überlieferte Erklärung versteht „Geist“ hier als Absicht: Absichtsvolles Handeln bildet Kamma, das dem Menschen folgt und Früchte trägt. Der Vers ist eine ethische Aussage: Die Beschaffenheit des Geistes bringt entsprechende Folgen. Die Lehre liegt im Zusammenhang von Absicht und Folge: Die Folgen dessen, was jemand aus seiner Gesinnung heraus sagt und tut, gehen ihm nach.

morgenleserin · 6. Feb. 2019
Womit ich den Tag anfange zu denken, danach wird er. Deshalb lese ich hier zuerst und schaue nicht gleich in die Nachrichten.
K. Brandt · 17. Nov. 2020
Ich glaube, es geht auch in die Gegenrichtung. Wer eine Woche lang jeden Abend den Schreibtisch aufräumt, denkt danach auch aufgeräumter. Das Tun ist oft der kürzere Weg.
M. Baumgartner · 30. Aug. 2021
Ein Jahr voller mürrischer Gedanken macht einen mürrischen Menschen. Ich arbeite daran.
Hass wird niemals durch Hass gestillt, sondern allein durch Liebe; das ist das ewige Gesetz.
— Buddha, um 450 v. Chr.

Im Pali endet Hass durch Nicht-Hass (averena); „Liebe“ ist Max Müllers Wort.

4 Gedanken

Buddha zugeschrieben, Dhammapada, Vers 5; frei wiedergegeben, teils nach Max Müller

Vers 5 folgt auf Verse über den Groll: Wer Gedanken wie „er hat mich beschimpft, geschlagen, besiegt, beraubt“ nicht hegt, in dem kommt der Hass zur Ruhe. Ein Kommentar des 4. oder 5. Jahrhunderts n. Chr. erzählt, der Buddha, ein Wanderlehrer des 6. oder 5. Jahrhunderts v. Chr., habe den Vers im Kloster Jetavana bei Savatthi gesprochen, über die Fehde einer kinderlosen Frau mit der zweiten Frau ihres Mannes.

Der Kommentar erklärt averena als liebende Güte, als Abwesenheit von Hass. Der Schluss „das ist das ewige Gesetz“ entspricht dem Pali esa dhammo sanantano. Der Kommentar liest darin die Mahnung, Hass nicht zu erwidern, sondern durch Güte zu überwinden. Feindschaft endet dort, wo einer erlittenes Unrecht nicht festhält.

Annelie · 3. Okt. 2016
Als Kriegskind habe ich das lange nicht glauben können. Heute glaube ich fast nichts anderes mehr.
F. Özdemir · 21. Feb. 2018
In meiner Familie gab es einen Streit über zwei Generationen. Beendet hat ihn am Ende ein einziger versöhnlicher Brief. Genau so.
stille_leserin · 14. Juni 2020
Schwer zu leben, dieser Satz. Aber jeder andere Weg führt am Ende im Kreis.
F. Özdemir · 9. Nov. 2023
@stille_leserin im Kreis, ja. Und der Kreis wird mit jeder Runde enger, bis keiner mehr Luft hat.
Die Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.
— Laotse, um 300 v. Chr.

In Kapitel 64 ist es das letzte von drei Bildern für Großes aus Kleinem.

5 Gedanken

Laotse, Tao te king, Kapitel 64, nach James Legge

Kapitel 64 rät, zu handeln, bevor eine Sache in Erscheinung tritt, und Ordnung zu schaffen, bevor Unordnung beginnt. Es folgen die Bilder: Der Baum, den die Arme kaum umfassen, wächst aus einem winzigen Spross; der Turm von neun Stockwerken aus einem Häufchen Erde; die Reise von tausend Li beginnt „unter den Füßen“. Der „einzige Schritt“ stammt aus James Legges Übersetzung. Die Seidenhandschriften nennen statt der Reise eine Höhe von hundert Ren.

Gemeint ist der Umgang mit den Dingen, solange sie klein sind: Was noch ruht, ist leicht zu halten, und Großes wächst aus Kleinem. Gleich danach warnt das Kapitel: Wer mit Hintergedanken handelt, richtet Schaden an; wer zugreift, verliert den Halt; der Weise handelt nicht so. Die Lehre verbindet beides, den Anfang im Kleinen und eine Zurückhaltung, die nichts erzwingt.

der_wanderer · 2. Jan. 2016
Guter Satz für den ersten Tag des Jahres. Der Rucksack steht schon an der Tür.
Lena K. · 18. März 2018
Mit dem Laufen angefangen, erst nur bis zur Ecke. Heute waren es fünf Kilometer. Dieser eine Schritt stimmt wirklich.
Tobias R. · 7. Juli 2020
Habe ewig vor der Doktorarbeit gezaudert. Dann einen Absatz am Tag. Der Stapel wächst leise, aber er wächst.
morgenleserin · 25. Okt. 2023
@Tobias R. und, fertig geworden? Ich drücke dir über die Entfernung die Daumen.
der_wanderer · 1. Jan. 2026
Zehn Jahre später, erster Tag des Jahres, der Rucksack steht wieder an der Tür. Manche Schritte wiederholt man gern.
Das höchste Gut ist wie das Wasser, das alle Dinge nährt und doch nicht wetteifert.
— Laotse, um 300 v. Chr.

Kapitel 8 fährt fort: Das Wasser weilt an dem niedrigen Ort, den die Menschen meiden.

3 Gedanken

Laotse, Tao te king, Kapitel 8

Das Kapitel beginnt: Das höchste Gut ist wie das Wasser; es nützt allen Dingen und streitet nicht, es weilt, wo niemand sein will, und ist darum dem Tao nahe. „Nährt“ steht hier für 利, das „nützen“ bedeutet. Der Kommentar Wang Bis erklärt den gemiedenen Ort als Niedrigkeit. Das Buch wird traditionell Laotse zugeschrieben, dessen geschichtliche Existenz umstritten ist; Verfasserschaft und Datierung sind ungeklärt.

Nicht-Streiten verbindet sich hier mit Demut: Das Wasser tut allen Gutes und nimmt ohne Widerstreben den untersten Platz ein. Weiter heißt es: Wer das höchste Gut verkörpert und nicht um seine niedrige Stellung streitet, dem macht niemand Vorwürfe. Später, in Kapitel 78, ist das Wasser das Weichste und Schwächste der Welt und doch gegen das Harte unübertroffen. Das höchste Gut dient allen und verlangt keinen Rang.

regentag · 8. Okt. 2017
Ein Landregen ist das beste Bild dafür. Ein Wolkenbruch läuft einfach ab, der leise Regen sickert bis zu den Wurzeln.
H. Vogel · 11. Mai 2021
Wasser sucht sich seinen Weg, ohne zu drängen. Beim Gießen denke ich oft, dass man auch so leben könnte.
Bettina R. · 3. Feb. 2024
In Besprechungen bin ich immer die, die sich durchsetzt. Dieser Satz legt mir nahe, es mal wie Wasser zu versuchen. Mal sehen, ob ich es aushalte.
Jenseits aller Vorstellungen von Unrecht und Recht liegt ein Feld. Dort werde ich dich treffen.
— Rumi, um 1250

Rumi nennt Unglauben und Islam; Recht, Unrecht und das Treffen stammen von Barks.

3 Gedanken

Rumi, Diwan-e Schams, Vierzeiler 157; frei wiedergegeben nach Coleman Barks und John Moyne

Der Diwan-e Schams ist nach Rumis Meister Schams aus Täbris benannt; die meisten Gedichte entstanden wohl ab etwa 1247, bei manchen ist die Entstehungszeit unbekannt. Wörtlich sagt der Vierzeiler: Jenseits von Unglauben und Islam liegt eine Ebene, in ihrer Mitte haben „wir“ eine Sehnsucht; der wissende Mystiker, der dorthin gelangt, neigt das Haupt, denn dort gibt es weder Unglauben noch Islam noch einen Ort. Barks las kein Persisch und schrieb nach englischen Übersetzungen anderer.

Gemeint ist ein mystisches Bild: Der Wissende geht über Islam und Unglauben hinaus und verneigt sich dort, wo diese Unterscheidung nicht mehr gilt. Die Sehnsucht spricht der Vierzeiler einem „Wir“ zu. Bei Rumi endet der Weg in der Verneigung dessen, der ankommt.

Clara M. · 16. Sept. 2019
Nach einem langen Streit mit meiner Schwester haben wir uns ohne Worte im Garten getroffen. Dieses Feld gibt es wirklich.
F. Özdemir · 8. Juni 2022
Diesen Satz habe ich schon auf zwei Hochzeiten vorgetragen gehört und einmal an einem Grab. Er passt überall, wo es ums Verzeihen geht.
nachtleser · 2. Apr. 2025
@Clara M. das Bild vom Feld begleitet mich, seit ich deinen Kommentar gelesen habe. Danke.
Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe.
— Khalil Gibran, 1923

Gibran legt die Worte dem Propheten Almustafa in den Mund, als Antwort an einen Pflüger.

4 Gedanken

Khalil Gibran, Der Prophet (1923), Kapitel „Von der Arbeit“

Gibran schrieb den „Propheten“, 26 Prosagedichte, auf Englisch; das Buch erschien 1923 in New York. Almustafa hat zwölf Jahre in Orphalese gelebt und steht vor der Heimfahrt. Auf die Frage des Pflügers antwortet er, man arbeite, um mit der Erde und ihrer Seele Schritt zu halten, und widerspricht der Rede vom Fluch der Arbeit: Wer arbeitet, erfülle einen Teil des fernsten Traums der Erde.

Gleich nach dem Satz heißt es: Wer nicht mit Liebe, sondern nur mit Widerwillen arbeiten kann, täte besser daran, die Arbeit zu lassen und am Tempeltor Almosen zu nehmen; wer Brot mit Gleichgültigkeit bäckt, bäckt ein bitteres Brot, das den Hunger nur halb stillt. Gemeint ist kein Lob der Mühe an sich: Arbeit hat ihren Wert, wenn Liebe in ihr sichtbar wird.

Lena K. · 5. Apr. 2017
Als ich das meiner Mutter vorlas, die ihr Leben lang für uns gekocht hat, hat sie geweint. Jetzt verstehe ich, warum.
Tobias R. · 19. Jan. 2019
An schlechten Arbeitstagen hilft dieser Satz nicht. An guten erklärt er alles.
M. Baumgartner · 27. Juli 2021
Mein Großvater war Schreiner. Man sah die Liebe an jeder Schublade, die bis heute leise schließt.
Katharina S. · 30. Nov. 2023
@M. Baumgartner die Schublade, die leise schließt, ist das schönste Bild für diesen Satz, das ich kenne.
Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.
— Khalil Gibran, 1926

Gibran fährt fort: Die Menschen machen aus Bäumen Papier, um ihre Leere festzuhalten.

2 Gedanken

Khalil Gibran, Sand und Schaum (1926)

Nach 1918 veröffentlichte Gibran überwiegend auf Englisch; „Sand und Schaum“, ein Buch der Aphorismen, erschien im Oktober 1926 bei Alfred A. Knopf in New York. Der Satz über die Bäume ist nur die erste Hälfte; der Aphorismus geht weiter: „Wir fällen sie nieder und verwandeln sie in Papier, um unsere Leere zu dokumentieren.“

Erst dieser zweite Satz gibt dem Aphorismus seine Spitze: Das Lob der Bäume schlägt um in einen Vorwurf an die Menschen, die aus den Gedichten der Erde Papier machen, nur um ihre Leere darauf festzuhalten. Gleich danach wendet sich Gibran dem Schreiben zu: Wer schreiben wolle, brauche Wissen, Kunst und Magie. So gelesen, ist der Satz eine Mahnung an alle, die schreiben: Das Papier war einmal ein Gedicht und verdient mehr als Leere.

H. Vogel · 14. Okt. 2025
Die alte Buche vorm Fenster schreibt gerade ihr Herbstgedicht, ganz in Gold. Gibran hat das vor hundert Jahren schon gesehen.
regentag · 27. Apr. 2026
Nach einem Aprilschauer duftet der ganze Park nach nassem Holz und jungem Laub. Dass man diese Gedichte auch riechen kann, steht bei Gibran nicht.
Schönheit ist die Ewigkeit, die sich selbst im Spiegel betrachtet.
— Khalil Gibran, 1923

Almustafa spricht weiter: „Doch ihr seid die Ewigkeit, und ihr seid der Spiegel.“

Khalil Gibran, Der Prophet (1923), Kapitel „Von der Schönheit“

Gibran schrieb den „Propheten“ auf Englisch. Er legt die Worte dem Propheten Almustafa in den Mund, der zwölf Jahre in Orphalese auf sein Schiff gewartet hat; das Buch besteht fast ganz aus seinen Reden an die Menge. Hier bittet ihn ein Dichter, von der Schönheit zu sprechen. Almustafa hält den Leuten vor, sie hätten nur von ungestillten Bedürfnissen gesprochen; Schönheit sei kein Bedürfnis, sondern eine Ekstase.

Der Gedanke endet nicht beim Spiegel: Gleich danach wendet Almustafa das Bild auf seine Zuhörer, sie selbst seien die Ewigkeit und der Spiegel. Ebenso heißt es dort, Schönheit sei das Leben, wenn es sein heiliges Antlitz enthüllt, doch die Menschen seien das Leben und der Schleier. Schönheit liegt hier nicht draußen; wer schaut, ist selbst der Spiegel, in dem sie sich erkennt.

Möge das Leben schön sein wie die Sommerblumen und der Tod wie die Herbstblätter.
— Rabindranath Tagore, 1916

Tagore veröffentlichte den Vers 1916 in New York, als Nummer 82 seiner „Stray Birds“.

3 Gedanken

Rabindranath Tagore, Stray Birds (1916), Nr. 82

Die Sammlung kurzer Verse erschien 1916 bei Macmillan in New York, gewidmet T. Hara aus Yokohama; 1916 und 1917 hielt Tagore Vorträge in Japan und den Vereinigten Staaten. Schon der erste Vers stellt Sommer und Herbst nebeneinander: Sommervögel kommen ans Fenster, singen und fliegen fort, gelbe Herbstblätter ohne Lieder flattern und fallen mit einem Seufzer.

Der Vers ist als Wunsch gefasst und spricht beiden Hälften Schönheit zu: dem Leben die der Sommerblumen, dem Tod die des Herbstlaubs. Wie im ersten Vers gehören Sommer und Herbst zu einem Jahr; der Tod erscheint nicht als Gegenteil des Lebens, sondern als seine späte Jahreszeit. Zwei Verse weiter heißt es, im Tod werde das Viele eins. Ein Ende braucht nicht weniger schön zu sein als die Blüte.

Annelie · 7. Sept. 2018
Habe gerade meinen Mann verabschiedet, im Herbst. Es war still und golden, wie ein fallendes Blatt. Dieser Satz hält mich heute.
stille_leserin · 22. März 2021
@Annelie ich habe deinen Kommentar dreimal gelesen und weine. Danke, dass du das geteilt hast.
Clara M. · 11. Juli 2026
Pflanze jeden Sommer Ringelblumen für genau diesen Satz. Sie blühen kurz und heftig, und das ist in Ordnung so.
Der Schmetterling zählt nicht Monate, sondern Augenblicke, und hat Zeit genug.
— Rabindranath Tagore, 1928

In einer früheren Fassung zählte der Schmetterling nicht Jahre, sondern Augenblicke.

3 Gedanken

Rabindranath Tagore, Fireflies (1928)

„Fireflies“ erschien 1928 bei Macmillan in New York. Laut Vorwort begannen die kurzen Verse in China und Japan, wo man Tagore oft bat, Gedanken eigenhändig auf Fächer und Seide zu schreiben. Eine frühere Form steht in „Lekhan“, seiner zweisprachigen Sammlung von Notizen, deren englische Vorbemerkung am 7. November 1926 in Balatonfüred in Ungarn unterzeichnet ist: ein bengalisches Verspaar mit der englischen Zeile, der Schmetterling zähle nicht Jahre, sondern Augenblicke, und habe darum genug Zeit.

Zwei Notizen zuvor hofft Tagore, seine leichten Worte könnten auf den Wellen der Zeit tanzen, wenn seine gewichtigen Werke untergegangen sind. Auch der Schmetterling ist leicht und hat doch genug: Er misst sein Leben nicht in langen Fristen, sondern in Augenblicken. Zeitmangel ist demnach eine Frage des Maßstabs; wer in Augenblicken lebt, hat Zeit genug.

regentag · 12. Aug. 2020
Bei einem Sommergewitter hängen die Schmetterlinge reglos unter den Blättern. Kaum scheint die Sonne wieder, fliegen sie weiter, als hätten sie nichts versäumt.
morgenleserin · 29. Mai 2022
Lese das an einem Morgen, an dem ich mich gehetzt fühle. Erstaunlich, dass ein Falter mehr Zeit hat als ich mit meinem Kalender.
Lena K. · 3. Aug. 2025
Meine Kleine kann einem Schmetterling eine Stunde zusehen. Sie hat das längst verstanden, ich lerne es von ihr zurück.
Bäume sind das unermüdliche Bemühen der Erde, zum lauschenden Himmel zu sprechen.
— Rabindranath Tagore, 1928

Der Vers steht in „Fireflies“ (1928), kurzen Notizen, die in China und Japan begannen.

Rabindranath Tagore, Fireflies (1928)

Laut Vorwort bat man Tagore in China und Japan oft, Gedanken eigenhändig auf Fächer und Seide zu schreiben; daraus entstanden diese kurzen Verse, die er Glühwürmchen nennt, Fünkchen lebendigen Lichts im Dunkeln. Auf den Vers über die Bäume folgt die Notiz, die Last des Selbst werde leichter, wenn er über sich lache.

Das Bild hat Vorläufer: In „Stray Birds“ stehen die Bäume wie Sehnsüchte der Erde auf Zehenspitzen, um in den Himmel zu spähen; in „Lekhan“ zeigt die „Mutter“ mit ihren alten Bäumen staunend zum Himmel. Dort spähen und zeigen die Bäume; hier spricht die Erde durch sie, und der Himmel hört zu. Das Gewicht liegt auf dem Bemühen, das nie endet; dieses Streben nach oben ist die Sprache der Erde.

Ein alter Teich – ein Frosch springt hinein, das Geräusch des Wassers.
— Matsuo Bashō, 1686

Im Froschwettstreit „Kawazu Awase“ von 1686 stand es auf dem Ehrenplatz der ersten Runde.

4 Gedanken

Matsuo Bashō, Kawazu Awase (1686), Runde 1, links

Gedruckt wurde das Haiku 1686 in „Kawazu Awase“, einem Wettstreit von Froschversen. Ob Bashō es beim Treffen in seiner Hütte in Fukagawa schrieb oder ob es den Wettstreit erst anregte, ist unklar. Der alte Teich war wohl der Fischteich seines Schülers Sanpū neben der Hütte. Zuerst gab Bashō nur Sprung und Wasser vor; Kikaku schlug als Anfang Kerrienblüten vor, Bashō wählte den alten Teich.

Die klassische Dichtung hatte Frösche selten erwähnt, und wenn, dann ihr Quaken. Hier zählt der Sprung ins Wasser, und der stille alte Teich macht den Laut hörbar. Bashōs Schüler Kagami Shikō rühmte es als das Gedicht, mit dem seinem Stil die Augen aufgingen; so wurde es sein bekanntestes, weit über Japan hinaus. Zen-Einflüsse sind spürbar, die tiefen Deutungen aber wuchsen erst mit dem Ruhm.

buchfink · 23. Aug. 2016
Drei Zeilen, und eine ganze Stille darin. Ich lese Haiku erst seit Kurzem, aber dieses werde ich nicht vergessen.
nachtleser · 15. Feb. 2019
Das Platsch ist das ganze Gedicht. Alles davor ist nur Warten.
der_wanderer · 6. Juni 2021
An einem Teich im Moor saß ich eine halbe Stunde, bis genau das passierte. Basho hat nichts erfunden, nur zugehört.
Katharina S. · 2. Okt. 2024
Lese das meinen Schülern vor und lasse danach eine Minute Stille. Sie hören den Frosch jedes Mal.
Jeder Tag ist eine Reise, und die Reise selbst ist Heimat.
— Matsuo Bashō, um 1694

Im ersten Absatz von „Oku no Hosomichi“ sagt Bashō das von Schiffern und Pferdetreibern.

6 Gedanken

Matsuo Bashō, Oku no Hosomichi, erster Absatz; frei wiedergegeben nach Sam Hamill

Bashō brach 1689 mit seinem Schüler Kawai Sora zu einer rund 150-tägigen Reise auf und schloss den Bericht 1694 ab, in seinem Todesjahr. Im ersten Absatz heißt es: Wer sein Leben auf Booten verbringt oder alt wird, während er Pferde am Zügel führt, für den ist jeder Tag eine Reise, und die Reise ist seine Wohnung. Der deutsche Satz folgt frei Sam Hamills Englisch und lässt diese Menschen weg.

Gleich danach spricht Bashō von sich: Viele der Alten, darunter Li Bai, Du Fu, Saigyō und Sōgi, seien unterwegs gestorben, und auch ihn locke seit Jahren die Wolke im Wind ins Wandern. Was er an Schiffern und Pferdetreibern beschreibt, gilt so auch für ihn. Die Reise ist dann kein Weg zu einem Ziel, sondern der Ort, an dem man lebt.

der_wanderer · 10. Feb. 2017
Als jemand, der ständig unterwegs ist, war das lange Trost und Ausrede zugleich. Heute eher Trost.
morgenleserin · 28. Juni 2019
Der Weg zur Arbeit, immer derselbe, und doch eine kleine Reise, seit ich ihn so lese. Danke für den Morgen.
Jonas W. · 14. Dez. 2021
Pendle zwei Stunden am Tag. Ich versuche, die Bahn als Zuhause zu sehen statt als verlorene Zeit. Gelingt mir mittwochs.
K. Brandt · 19. Mai 2022
Wenn schon die Reise die Heimat ist, gibt es kein Ankommen mehr, auf das man das eigentliche Leben verschieben könnte. Ich tue es trotzdem dauernd.
Annelie · 9. März 2024
Mit den Jahren wird das Zuhause kleiner und der Weg dorthin wichtiger. Basho war wohl auch nicht mehr jung, als er das schrieb.
morgenleserin · 5. Jan. 2026
@der_wanderer wir schreiben hier beide seit dem ersten Jahr. Deinen Kommentar von damals lese ich jeden Winter wieder.
Das Selbst zu studieren heißt, das Selbst zu vergessen.
— Dōgen, 1233

Dōgen schrieb es 1233 für Yō Kōshū, einen Laienschüler in Kyushu.

Dōgen, Shōbōgenzō, Buch 1: „Genjōkōan“

Laut Nachschrift schrieb Dōgen den Text im Herbst des ersten Jahres Tenpuku, also 1233, für den Laienschüler Yō Kōshū; es ist ein Brief, den ein Laie verstehen sollte. Dōgen stellte ihn an den Anfang des Shōbōgenzō, als Vorrede für Anfänger. Der Satz steht in einer Kette: Den Buddha-Weg zu studieren heißt, das Selbst zu studieren; das Selbst zu studieren heißt, das Selbst zu vergessen.

Die Kette geht weiter: Das Selbst zu vergessen heißt, von allen Dingen bestätigt zu werden und Körper und Geist von sich und anderen abfallen zu lassen. Vergessen meint also keine Selbstaufgabe; ein moderner Gelehrter liest darin die Einheit des Selbst mit anderen und der Welt. „Studieren“ meint hier Übung, Tag für Tag, kein Bücherwissen. Wer das Selbst so übt, findet kein festeres Ich, sondern die Welt.

Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige.
— Shunryu Suzuki, 1970

Der Satz eröffnet den Prolog des 1970 aus Suzukis Vorträgen edierten Buches.

2 Gedanken

Shunryu Suzuki, Zen Mind, Beginner's Mind (1970), Prolog

Marian Derby hatte Suzukis Vorträge aufgezeichnet; Trudy Dixon und Richard Baker wählten aus, ordneten sie zu Kapiteln und gingen die Bearbeitung mit Suzuki durch, der nichts unbearbeitet gedruckt sehen wollte. Der Prolog geht auf einen Vortrag in Los Altos vom 11. November 1965 zurück, in dem es noch hieß, im Expertengeist gebe es nicht viel Möglichkeit. Dort erklärt Suzuki das japanische Wort shoshin, Anfängergeist, und nennt es das Ziel der Übung, ihn immer zu bewahren.

Anfängergeist ist für Suzuki kein verschlossener, sondern ein leerer, bereiter Geist, offen für alles; wer zu viel unterscheidet, schränkt sich ein. Selbst Zen-Bücher seien mit frischem Geist zu lesen. Gemeint ist keine Geringschätzung von Können, sondern eine Disziplin der Übung: auch nach langer Erfahrung offen zu bleiben wie am ersten Tag.

Tobias R. · 13. Okt. 2020
Nach zehn Jahren im Beruf ertappe ich mich, wie ich alles schon zu kennen glaube. Dieser Satz ist eine kalte Dusche, eine gute.
Clara M. · 26. Apr. 2023
Habe mit 45 angefangen, Klavier zu lernen. Anfängergeist gratis dazu. Es ist herrlich, wieder schlecht in etwas zu sein.
Als ich um Mitternacht den Mond betrachtete, einsam, mitten am Himmel, erkannte ich mich ganz und gar, kein Teil blieb ausgespart.
— Izumi Shikibu, um 1000

Im Original: der Mond im Morgengrauen; „Mitternacht“ ist Hirshfields Wort.

3 Gedanken

Izumi Shikibu, Gyokuyōshū 1476; frei wiedergegeben nach Jane Hirshfield

Izumi Shikibu, vielleicht 976 geboren, lebte am Hof der Kaiserin Jōtōmon'in, zur Zeit Murasaki Shikibus; das Gedicht steht in der kaiserlichen Sammlung Gyokuyōshū, die drei Jahrhunderte später, 1312, vorgelegt wurde. Laut Vorbemerkung schickte sie es, als zu einem Mann, mit dem sie sprach, ein zweiter kam und beide heimgingen; wohl zwei Liebhaber. Der deutsche Text folgt Hirshfields Englisch; das Japanische nennt den Mond, der im Morgengrauen noch am Himmel steht.

Das Japanische lebt von Doppelsinn: „mitten am Himmel“ heißt auch unentschieden, „allein“ geht über in den Morgenmond, „ohne Schatten“ meint klares Mondlicht wie restloses Erkennen. Schlicht gelesen: Allein und in der Schwebe sah sie den Morgenmond und erkannte ihre missliche Lage ganz. Hirshfields Fassung macht daraus eine stille, einsame Selbsterkenntnis; bei Izumi Shikibu ist es ein Liebesgedicht voller Wortspiele.

morgenleserin · 14. Apr. 2016
Ich lese das heute früh um fünf, draußen ist es noch dunkel. Dieser Mond, der ganz allein mitten am Himmel steht — manchmal fühle ich mich genau so, und es ist gar nicht traurig. Danke für diesen Start in den Tag.
nachtleser · 2. Nov. 2019
Komisch, wie ein Gedicht aus so weiter Ferne einen so genau trifft. Ich bin oft nachts wach und denke dann, dass man sich selbst nur in dieser Stille wirklich begegnet. Bei Tageslicht ist man zu beschäftigt, jemand anderes zu sein.
Katharina S. · 9. Juli 2023
An meinem Fenster steht genau so ein Mond heute Nacht. Ich habe lange keinen Vers mehr gelesen, der mich so ruhig macht. 'Kein Teil blieb ausgespart' — das wünsche ich mir auch manchmal, mich einmal ganz zu kennen.
Die Blüten verwelkten, ihre Farbe verblasste, während ich sinnlos meine Tage in der Welt verbrachte und die langen Regen fielen.
— Ono no Komachi, um 850 n. Chr.

Die Farbe der Kirschblüten meint im Japanischen auch Komachis eigenes Aussehen.

5 Gedanken

Ono no Komachi, Kokinshū 113 (Hyakunin Isshu 9), nach Donald Keene

Ono no Komachi war eine Hofdichterin des 9. Jahrhunderts, eine der sechs großen Waka-Dichter ihrer Zeit; ihre Lebensdaten sind unbekannt. Das Gedicht steht im zweiten Frühlingsbuch des Kokinshū als Nr. 113, unter der Überschrift „Thema unbekannt“, und kehrt als Nr. 9 im Hyakunin Isshu wieder. Es lebt von Doppelsinn: „furu“ heißt Zeit verbringen und regnen, „nagame“ sinnendes Grübeln und langer Regen, und „yo“, die Welt, meint auch Liebesbeziehungen.

Donald Keenes Englisch, dem der deutsche Text folgt, gibt „nagame“ nur als lange Regen wieder; das Grübeln geht dabei verloren. Im Japanischen verblassen Blüte und eigenes Aussehen zugleich, während die Dichterin ihre Tage in der Welt verbringt, in Gedanken versunken wie im Regen. Die Lehre liegt im Doppelbild: Während der Blick versunken ruht, vergeht mit den Blüten auch die eigene Zeit.

stille_leserin · 3. März 2016
Die langen Regen — bei uns regnet es jetzt seit Tagen, und ich sitze am Fenster und sehe die Blüten im Hof verblassen. Dieses Gedicht ist tausend Jahre alt und trifft trotzdem genau meinen heutigen Nachmittag.
H. Vogel · 20. Okt. 2017
Als junger Mann hätte ich diese Zeilen für bloße Schwermut gehalten. Mit über sechzig lese ich sie anders: nicht als Klage, sondern als ehrliches Innehalten. Die Farbe verblasst, ja. Aber man hat sie gesehen.
Lena K. · 11. Mai 2019
Ich habe gerade mein Studium beendet und das Gefühl, die letzten Jahre seien 'sinnlos' vergangen, kenne ich gut. Tröstlich, dass selbst eine Hofdame vor Jahrhunderten das kannte.
Annelie · 7. Feb. 2022
Meine Mutter ist im letzten Herbst gestorben, und seitdem lese ich hier jeden Morgen still mit. Heute dieser Regen, diese verblassten Blumen — ich musste weinen, aber auf eine gute Weise. Danke, dass es diesen Ort gibt.
der_wanderer · 28. Sept. 2025
Komachi und Shikibu an aufeinanderfolgenden Tagen zu lesen ist fast zu viel Schönheit für eine Woche. Ich sammle diese japanischen Verse mittlerweile in einem kleinen Heft.
Die Phantasie ist wichtiger als das Wissen, denn das Wissen ist begrenzt.
— Albert Einstein, 1929

Einstein sagte es 1929 im Interview mit George Sylvester Viereck, der es aufzeichnete.

3 Gedanken

Einstein im Interview mit Viereck, Saturday Evening Post, 26. Oktober 1929, S. 117

Das Gespräch des amerikanischen Journalisten George Sylvester Viereck mit Einstein erschien am 26. Oktober 1929 in der „Saturday Evening Post“; der Wortlaut ist Vierecks Wiedergabe. Einstein sagt dort, er glaube an Intuitionen; als zwei Expeditionen seine Relativitätstheorie prüfen sollten, sei er überzeugt gewesen, ihre Ergebnisse würden seine Hypothese bestätigen. Gefragt, ob er seiner Phantasie mehr traue als seinem Wissen, sagt er, er sei Künstler genug, um frei aus ihr zu schöpfen.

Im Interview geht es weiter: Die Phantasie umspannt die Welt. Der Band „Cosmic Religion“ von 1931 nennt sie zudem einen realen Faktor der wissenschaftlichen Forschung. Einstein spricht also nicht gegen das Lernen, sondern davon, wie ein Physiker zu Hypothesen kommt, die erst danach die Beobachtung prüft. Wissen hält fest, was bekannt ist; die Phantasie entwirft, was sich prüfen lässt.

Jonas W. · 16. Juni 2017
Als Lehrer hänge ich mir diesen Satz übers Pult. Meine Schüler glauben, Wissen sei das Ziel. Ich versuche ihnen beizubringen, dass es nur der Boden ist, auf dem die Fantasie wächst.
buchfink · 3. Dez. 2021
Schön, aber ich finde, man unterschätzt dabei das Wissen. Ohne das eine ist das andere leer. Vielleicht meinte Einstein genau dieses Zusammenspiel — die beiden streiten nicht, sie brauchen einander.
regentag · 20. Juli 2025
Wie Zugvögel sich orientieren, ist heute recht gut erforscht. Vorher musste sich jemand ausdenken, dass sie einen Kompass im Kopf haben könnten.
Beim Menschen ist es wie beim Velo. Nur wenn er fährt, kann er bequem die Balance halten.
— Albert Einstein, 1930
4 Gedanken
M. Baumgartner · 22. Apr. 2016
Mein Großvater hat mir das Radfahren mit fast demselben Satz beigebracht. Er wusste nichts von Einstein, aber er wusste vom Leben.
Lena K. · 9. Aug. 2018
Nach einer schweren Zeit ist das mein Leitspruch geworden. Nicht schneller treten, nur nicht stehen bleiben. Das reicht oft schon.
der_wanderer · 14. März 2020
Gerade jetzt, wo alle stillstehen müssen, lese ich das mit einem schiefen Lächeln. Vielleicht ist Balance im Stillstand die eigentliche Kunst dieses Jahres.
Tobias R. · 30. Nov. 2024
Ich habe meinem Sohn gestern das Radfahren beigebracht, im Hof, bei Nieselregen. Heute dieser Spruch. Manchmal zwinkert einem das Leben zu.
Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.
— Isaac Newton, 1676
2 Gedanken
F. Özdemir · 5. Okt. 2019
In meiner Doktorarbeit steht dieser Satz als Motto. Je länger ich forsche, desto kleiner komme ich mir vor — und desto dankbarer für die Schultern, auf denen ich stehen darf.
K. Brandt · 9. Apr. 2025
Entscheidend finde ich das Wort 'weiter': Newton behauptet nicht, größer zu sein als die Riesen, nur ein Stück weiter zu sehen. Das nimmt dem Satz jeden Hochmut.
Mir scheint, ich bin nur ein Junge gewesen, der am Meeresstrand spielte, während der große Ozean der Wahrheit unentdeckt vor mir lag.
— Isaac Newton, um 1727
3 Gedanken
nachtleser · 18. Aug. 2018
Dass ausgerechnet Newton, der so viel verstanden hat, sich als spielendes Kind am Strand sah — das macht mir Mut. Demut ist offenbar kein Zeichen von Unwissen, sondern von echtem Wissen.
Clara M. · 2. Juni 2020
Ich nehme meine Kinder jeden Sommer ans Meer, und sie sammeln Muscheln, als wäre jede ein Schatz. Jetzt weiß ich, wen sie darin erinnern.
buchfink · 25. Jan. 2026
Zehn Jahre lese ich hier nun mit, und dieser Satz begleitet mich am längsten. Je mehr ich im Leben begriffen habe, desto weiter wurde der Ozean davor.
Ich gehöre zu denen, die finden, dass die Wissenschaft von großer Schönheit ist.
— Marie Curie, 1933
3 Gedanken
Katharina S. · 7. Nov. 2016
Als Chemikerin höre ich oft, meine Arbeit sei kalt und nüchtern. Curie wusste es besser. In einem sauberen Beweis steckt dieselbe Schönheit wie in einem Sonett.
regentag · 3. Feb. 2021
An der Wissenschaft rührt mich vor allem die Geduld. Curie hat jahrelang Tonnen von Pechblende verarbeitet, für ein Zehntelgramm Radium.
morgenleserin · 12. Juli 2023
Ich bin keine Wissenschaftlerin, aber als mir mein Neffe neulich erklärte, wie ein Blatt das Licht in Zucker verwandelt, habe ich genau diese Schönheit gespürt. Curie hat recht.
Ein Wissenschaftler in seinem Labor ist nicht bloß ein Techniker; er ist auch ein Kind, das Naturphänomenen gegenübersteht, die ihn beeindrucken, als wären sie Märchen.
— Marie Curie, 1933
Aus einem so einfachen Anfang haben sich endlose Formen, die schönsten und wunderbarsten, entwickelt und entwickeln sich noch immer.
— Charles Darwin, 1859
4 Gedanken
der_wanderer · 19. Mai 2017
Der letzte Satz aus 'Die Entstehung der Arten' — und wohl einer der schönsten Schlusssätze der Weltliteratur. Dass ein Naturforscher so dichten konnte.
Clara M. · 8. Apr. 2019
'Die schönsten und wunderbarsten' — ich lese das und denke an den Garten meiner Großmutter, an die endlosen Formen allein in einem einzigen Beet. Wissenschaft und Staunen schließen sich nicht aus.
H. Vogel · 1. Juni 2021
Mit jedem Jahr, das ich Vögel beobachte, verstehe ich diesen Satz besser. Aus so einfachem Anfang — und doch jeder Finkenschnabel genau für seine Aufgabe geformt.
Jonas W. · 15. Sept. 2025
Ich zeige meiner Biologieklasse diesen Satz immer am Ende des Schuljahrs. Die Fakten vergessen sie, aber dieses Staunen bleibt hoffentlich hängen.
Ein Mensch, der es wagt, eine einzige Stunde zu vergeuden, hat den Wert des Lebens noch nicht erkannt.
— Charles Darwin, 1836
Das erste Prinzip lautet: Du darfst dich nicht selbst täuschen – und du bist derjenige, der sich am leichtesten täuschen lässt.
— Richard Feynman, 1974
2 Gedanken
K. Brandt · 11. Juni 2018
Den ersten Halbsatz unterschreibt jeder sofort. Unbequem ist erst der zweite: dass man selbst am leichtesten auf sich hereinfällt. Wenn mir ein Argument besonders gut gefällt, sehe ich es mir inzwischen ein zweites Mal an.
Tobias R. · 4. Feb. 2022
Diesen Satz sollte man sich jeden Morgen vorsagen. Nicht gegen die Welt misstrauisch sein, sondern gegen die eigenen bequemen Geschichten. Das ist die weitaus härtere Übung.
Schon sehr früh lernte ich den Unterschied zwischen dem, den Namen einer Sache zu kennen, und dem, die Sache selbst zu kennen.
— Richard Feynman, 1988
3 Gedanken
Jonas W. · 11. März 2016
Als Lehrer ist das meine tägliche Sorge. Die Kinder lernen die Namen der Flüsse und glauben, sie kennten die Flüsse. Feynmans Vater hat ihm da etwas Kostbares mitgegeben.
F. Özdemir · 27. Okt. 2018
Ich habe jahrelang die Vokabeln eines Fachs aufgesagt, ohne es zu durchdringen. Erst als ich scheiterte, begann ich wirklich zu verstehen. Der Satz trifft einen wunden Punkt.
Bettina R. · 3. Juli 2024
Meine Tochter fragt bei jedem Spaziergang 'warum' statt 'wie heißt das'. Ich hoffe, sie behält das. Namen sind Etiketten, kein Verstehen.
Die Natur verwendet nur die längsten Fäden, um ihre Muster zu weben, sodass jedes kleine Stück ihres Gewebes den Aufbau des gesamten Wandteppichs offenbart.
— Richard Feynman, 1964
Wir bestehen aus Sternenstoff.
— Carl Sagan, 1973
5 Gedanken
nachtleser · 9. Feb. 2016
Sternenstaub. Ich habe als Kind nächtelang aus dem Dachfenster geschaut, und dieser Gedanke — dass das Eisen in meinem Blut einmal in einem Stern gekocht wurde — begleitet mich seither.
morgenleserin · 22. Nov. 2018
An einem grauen Morgen wie diesem ist es ein schöner Trost: Ich bin aus demselben Stoff wie das Licht da oben. Das macht den Kaffee irgendwie feierlicher.
Clara M. · 14. Mai 2020
Ich habe das meinen Kindern beim Abendessen erzählt, und mein Jüngster hat lange auf seine Hand gestarrt. 'Ich bin ein Stern?' Ja, mein Schatz, ein kleiner, der Haferbrei mag.
altes_heft · 30. Aug. 2022
In meinem alten Physikheft aus der Schulzeit habe ich diesen Satz einmal abgeschrieben, in blauer Tinte. Jetzt, vierzig Jahre später, lese ich ihn hier wieder. Manche Sätze warten geduldig auf uns.
der_wanderer · 7. Dez. 2025
Nach all den Jahren hier ist das immer noch mein liebster Eintrag. Sagan schafft es, dass Demut und Stolz im selben Atemzug Platz haben.
Für so kleine Geschöpfe wie uns ist die Unermesslichkeit nur durch die Liebe erträglich.
— Carl Sagan, 1985
4 Gedanken
Annelie · 16. Apr. 2017
Dieser Satz hat mich durch die ersten Monate nach der Geburt meiner Tochter getragen. Die Welt ist so groß und man selbst so klein — aber diese kleine Hand in meiner macht sie erträglich.
stille_leserin · 2. Juni 2019
Ich finde ihn fast zu schön, um wahr zu sein, und doch stimmt er. Gegen die Unendlichkeit hilft kein Wissen, nur Zuneigung. Sagan war im Herzen ein Dichter.
H. Vogel · 25. Okt. 2023
Meine Frau und ich sind nun fünfzig Jahre zusammen. Wenn ich wissen will, was dieser Satz bedeutet, muss ich nur morgens zu ihr hinübersehen.
Lena K. · 11. Dez. 2025
An einem Tag, an dem mir alles zu viel war, kam dieser Eintrag. Ich habe meine beste Freundin angerufen, einfach so. Es half mehr als jeder Rat.
Der Kosmos ist in uns. Wir sind ein Weg, auf dem der Kosmos sich selbst erkennt.
— Carl Sagan, 1980
2 Gedanken
F. Özdemir · 8. Juli 2019
Ein schwindelerregender Gedanke: Wenn ich den Himmel betrachte, schaut das All sich selbst an. Das verändert, wie ich abends nach oben blicke.
nachtleser · 19. März 2024
Manche nennen das Mystik, ich finde es die nüchternste Tatsache überhaupt. Wir sind der Teil des Universums, der Fragen stellt. Was für eine Aufgabe.
Die Analytical Engine webt algebraische Muster, so wie der Jacquard-Webstuhl Blumen und Blätter webt.
— Ada Lovelace, 1843
Die Vorstellungskraft ist das entdeckende Vermögen; sie dringt in die unsichtbaren Welten um uns ein, die Welten der Wissenschaft.
— Ada Lovelace, 1841
3 Gedanken
Katharina S. · 13. Sept. 2018
Dass diese Worte von der ersten Programmiererin stammen, macht sie doppelt schön. Sie sah Maschinen und dachte an Dichtung. Beides lebt von derselben Fantasie.
Bettina R. · 5. Juni 2021
Ich arbeite in der Softwareentwicklung und werde oft gefragt, ob das nicht trocken sei. Nein — es ist das genaue Gegenteil. Lovelace hat es vor fast zweihundert Jahren besser gesagt, als ich es je könnte.
morgenleserin · 2. Jan. 2026
Ein schöner Satz, um ins neue Jahr zu gehen. Nicht nur wissen wollen, sondern sich die ungesehenen Welten auch vorstellen. Daran will ich mich heuer halten.
Eisen rostet, wenn es nicht gebraucht wird; ebenso zehrt die Untätigkeit an der Kraft des Geistes.
— Leonardo da Vinci
3 Gedanken
M. Baumgartner · 7. März 2016
Mit achtzig merke ich die Wahrheit dieses Satzes körperlich. Wer rastet, der rostet — das galt schon für Leonardo. Also lese ich hier jeden Morgen, damit wenigstens der Kopf nicht einrostet.
regentag · 12. Sept. 2018
Am Teich sieht man es gut: wo das Wasser steht, kippt es im Sommer und wird grün. Der Bach daneben bleibt klar, weil er nie stillsteht.
Tobias R. · 24. Okt. 2022
Nach Wochen auf dem Sofa während meiner Krankheit hat mich dieser Satz regelrecht aufgeweckt. Ich bin an dem Tag das erste Mal wieder spazieren gegangen.
Die Philosophie steht in jenem großen Buch geschrieben, dem Universum, das unserem Blick beständig offensteht.
— Galileo Galilei, 1623
1 Gedanke
der_wanderer · 18. Mai 2020
Ich wandere viel, und genau so fühlt es sich an: Die Landschaft ist ein aufgeschlagenes Buch, man muss nur lesen lernen. Galileo meinte die Mathematik, ich meine die Berge, aber das Staunen ist dasselbe.
Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frauen und Männer sind bloße Spieler.
— William Shakespeare, um 1599
4 Gedanken
Clara M. · 21. Apr. 2016
In der Schule mussten wir diese Rede auswendig lernen, und ich habe sie gehasst. Heute, mit vierzig, verstehe ich erst, wie viele Rollen ich schon gespielt habe.
Jonas W. · 9. Nov. 2017
Die 'sieben Lebensalter', die danach folgen, sind das eigentliche Herzstück. Dieser erste Satz ist nur der Vorhang, der aufgeht.
buchfink · 3. Juli 2021
Mir gefällt das 'bloß' nicht ganz — bloße Spieler? Ich finde, gerade im Spielen liegt die Würde. Aber vielleicht lese ich da zu viel hinein.
Bettina R. · 15. Sept. 2025
Nach dem Tod meines Vaters, der Schauspieler war, lese ich diese Zeilen mit nassen Augen. Er ist von der Bühne gegangen, aber sein Auftritt war wunderbar.
Sei dir selbst getreu.
— William Shakespeare, um 1600
4 Gedanken
Lena K. · 12. Juni 2018
Leichter gesagt als getan. Man muss sich erst einmal selbst kennen, bevor man sich treu sein kann. Aber als Richtung stimmt der Satz bis heute.
F. Özdemir · 28. Feb. 2022
Interessant, dass ausgerechnet Polonius diese kluge Zeile sagt — er, der sonst so hohl schwätzt. Shakespeare legt seine beste Weisheit gern in zweifelhafte Münder.
K. Brandt · 21. Juli 2024
Man ändert sich allerdings. Treue zu dem, was man vor Jahren war, ist manchmal bloß Sturheit mit gutem Gewissen.
Annelie · 4. Dez. 2025
Mit sechzig endlich gelernt. Jahrzehnte habe ich versucht, es allen anderen recht zu machen. Dieser kurze Satz hätte mir viel ersparen können.
Nichts bezaubert so sehr wie die Zärtlichkeit des Herzens.
— Jane Austen, 1815
2 Gedanken
morgenleserin · 17. Sept. 2017
Austen, die angeblich so Spöttische, schreibt den zärtlichsten Satz von allen. Kein Witz, kein Reichtum, keine Schönheit — nur ein weiches Herz. Darauf kommt es an.
Katharina S. · 6. Juli 2024
Ich habe ihn in die Hochzeitskarte für meine Nichte geschrieben. Besseres konnte ich ihr nicht wünschen als einen Menschen mit einem zärtlichen Herzen.
Die Schönheit wird die Welt retten.
— Fjodor Dostojewski, 1868
5 Gedanken
H. Vogel · 29. Jan. 2016
Ein Satz, über den man ein Leben lang nachdenken kann. Welche Schönheit? Dostojewski lässt es offen, und das ist vielleicht die Rettung: dass jeder seine eigene finden muss.
stille_leserin · 14. Nov. 2018
An manchen Tagen glaube ich es nicht. Die Welt scheint so hässlich. Und dann sehe ich einen Fremden einem anderen die Tür aufhalten, und der Satz stimmt wieder.
der_wanderer · 2. Mai 2020
Ich habe lange gedacht, das sei naiv. Jetzt glaube ich, es ist das Gegenteil: ein trotziger Satz, gegen alle Vernunft gesagt. Gerade deshalb halte ich an ihm fest.
Clara M. · 11. Aug. 2023
Meine Tochter malt den ganzen Tag, ohne Grund, einfach weil es schön wird. Vielleicht wissen Kinder noch, was Dostojewski meinte, bevor wir es ihnen abtrainieren.
Annelie · 19. Okt. 2026
Seit Jahren begleitet mich dieser Blog, und das ist der Eintrag, zu dem ich immer wieder zurückkomme. Die Schönheit rettet nicht auf einmal, sondern leise, Tag für Tag, so wie dieser Ort.
Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.
— Leo Tolstoi, 1875
3 Gedanken
Bettina R. · 23. Sept. 2019
Der berühmteste erste Satz der Literatur, und er stimmt bis heute. In meiner eigenen Familie hat jedes Unglück seine ganz eigene, komplizierte Geschichte.
Tobias R. · 7. Juni 2021
Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich stimmt. Auch glückliche Familien sind auf sehr verschiedene Weise glücklich. Aber als Eröffnung ist der Satz unschlagbar.
H. Vogel · 30. Apr. 2025
Nach vielen Jahren Paarberatung in meinem früheren Beruf kann ich Tolstoi nur zustimmen. Das Glück folgt wenigen einfachen Regeln, das Unglück erfindet immer neue.
Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.
— Johann Wolfgang von Goethe, 1829
Man kann nicht gut denken, gut lieben, gut schlafen, wenn man nicht gut gegessen hat.
— Virginia Woolf, 1929
Wir liegen alle in der Gosse, doch einige von uns schauen nach den Sternen.
— Oscar Wilde, 1892
4 Gedanken
nachtleser · 6. Aug. 2016
Mein liebster Wilde-Satz. Er urteilt nicht über die Rinnsteine, in denen wir liegen — er fragt nur, wohin wir schauen. Das kann jeder, jederzeit.
Lena K. · 13. Mai 2019
In einer sehr dunklen Zeit hing dieser Satz an meiner Wand. Er hat mich nicht aus dem Rinnstein geholt, aber er hat mich den Kopf heben lassen. Das war der Anfang.
altes_heft · 2. Feb. 2022
Wilde war später selbst im Gefängnis, als es ihm am schlechtesten ging, und schrieb dort seine klügsten Zeilen. Vielleicht sieht man die Sterne erst aus dem Rinnstein richtig.
der_wanderer · 24. Juli 2026
Ich lese das heute nach einer klaren Nacht in den Bergen, in der die Sterne zum Greifen nah waren. Wilde hätte den Himmel hier oben geliebt.
Groß zu sein heißt, missverstanden zu werden.
— Ralph Waldo Emerson, 1841
1 Gedanke
Jonas W. · 15. Nov. 2023
Ein tröstlicher Satz, aber ein gefährlicher. Nicht jedes Missverständnis ist ein Zeichen von Größe — manchmal liegt man einfach falsch. Emerson meinte wohl den Mut, trotzdem seinen Weg zu gehen.
Nichts Großes wurde je ohne Begeisterung vollbracht.
— Ralph Waldo Emerson, 1841
Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte.
— Henry David Thoreau, 1854
4 Gedanken
stille_leserin · 8. Juni 2017
Ich träume seit Jahren davon, es Thoreau gleichzutun. Noch traue ich mich nicht. Aber allein zu wissen, dass es einer getan hat, macht den Alltag leichter.
Clara M. · 19. Sept. 2020
Wir haben während der langen Wochen zu Hause einen kleinen Garten angelegt. Kein Wald, aber ein Anfang, bewusster zu leben. Thoreau hätte vielleicht genickt.
regentag · 4. Okt. 2022
Im Wald merke ich erst, wie laut ich sonst durch die Tage gehe. Sobald ich innehalte, höre ich nur den Wind in den Buchen.
buchfink · 2. März 2024
'Bewusst leben' — der ganze Satz steckt in diesen zwei Worten. Ich lese ihn und nehme mir vor, heute wenigstens eine Stunde nicht zu hetzen.
Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen.
— Rainer Maria Rilke, 1904
4 Gedanken
morgenleserin · 12. Apr. 2016
Diese Zeilen habe ich mir heute früh auf einen Zettel geschrieben und an den Spiegel geklebt. Gerade erst hierher gefunden und schon so ein Satz zum Festhalten.
der_wanderer · 3. Nov. 2018
Rilke trifft mich immer da, wo es weh tut. Der Drache als etwas, das eigentlich nur auf meinen Mut wartet — das dreht die ganze Angst einfach um.
Katharina S. · 19. Juni 2021
Ich lese das nach einem schweren Jahr und muss weinen. Vielleicht ist das Schwere wirklich nur etwas, das darauf wartet, von mir anders angesehen zu werden.
buchfink · 7. März 2024
Mein Sohn hatte letzte Woche seine erste große Prüfung, und ich habe ihm genau diesen Gedanken mitgegeben. Danke, dass er hier steht.
Hoffnung ist das Ding mit Federn, das sich in der Seele niederlässt.
— Emily Dickinson, um 1862
3 Gedanken
stille_leserin · 28. Feb. 2017
Das Bild vom Vogel, der in der Seele sitzt und nie ganz still wird, begleitet mich seit der Schulzeit. Schön, es hier wiederzufinden.
H. Vogel · 14. Mai 2020
Passt ja fast zu gut zu meinem Namen. Aber im Ernst: In diesem seltsamen Frühling ist dieser kleine gefiederte Trotz genau das, was ich gerade brauche.
Lena K. · 2. Okt. 2025
Ich habe die Zeile meiner Großmutter im Krankenhaus vorgelesen. Sie hat gelächelt und gesagt, der Vogel singe am lautesten im Sturm.
Ich wohne in der Möglichkeit.
— Emily Dickinson, um 1862
Ich existiere, wie ich bin, und das genügt.
— Walt Whitman, 1855
3 Gedanken
nachtleser · 9. Sept. 2019
So ein ruhiger, fast trotziger Satz. Ich lese ihn an Tagen, an denen ich glaube, nicht genug zu leisten.
Clara M. · 21. Jan. 2023
Ich habe das lange nicht verstanden, erst mit Mitte vierzig. Es ist kein Aufgeben, es ist Frieden.
regentag · 7. Juli 2023
Am flachen Ufer steht oft stundenlang ein Reiher. Er muss nichts beweisen, er ist einfach da — und das reicht ihm sichtlich.
Reisen ist tödlich für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit.
— Mark Twain, 1869
5 Gedanken
der_wanderer · 5. Juli 2016
Mein Lieblingssatz von Twain. Ich bin als junger Mann getrampt und kam als ein anderer Mensch zurück.
M. Baumgartner · 30. Aug. 2017
Stimmt und stimmt nicht. Man muss mit offenen Augen reisen, sonst nimmt man seine Vorurteile nur mit in den Koffer.
der_wanderer · 11. Apr. 2019
@M. Baumgartner da ist was dran. Aber die wenigsten kommen völlig unverändert heim, selbst wenn sie es versuchen.
F. Özdemir · 18. Dez. 2022
Als Kind zweier Länder lebe ich diesen Satz. Wer wirklich woanders war, kann schwerer verachten, was er dort mit eigenen Augen gesehen hat.
morgenleserin · 3. Mai 2026
So lange ich hier schon lese, ist das immer noch der Eintrag, zu dem ich am häufigsten zurückkehre. Reisen öffnet wirklich das Herz.
Die Welt zerbricht einen jeden, und danach sind viele an den zerbrochenen Stellen stark.
— Ernest Hemingway, 1929
4 Gedanken
altes_heft · 22. Nov. 2018
Diesen Satz habe ich nach meiner Scheidung an die Küchenwand geschrieben. Er hat mich durch zwei Winter getragen.
Tobias R. · 6. Feb. 2020
Als ehemaliger Sanitäter sehe ich das fast wörtlich: Knochen heilen oft genau an der Bruchstelle am dicksten.
stille_leserin · 15. Juli 2021
Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon stark bin. Aber die Vorstellung, dass es kommen könnte, reicht für heute.
Katharina S. · 28. März 2024
@stille_leserin es kommt. Langsamer, als man will, aber es kommt. Alles Gute dir.
Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern neue Augen zu haben.
— Marcel Proust, 1923
Bildung ist die mächtigste Waffe, die wir einsetzen können, um die Welt zu verändern.
— Nelson Mandela, 2003
2 Gedanken
Jonas W. · 1. Sept. 2017
Als Lehrer hängt dieser Satz über meinem Pult. An schlechten Tagen lese ich ihn und weiß wieder, warum ich morgens aufstehe.
F. Özdemir · 12. Nov. 2023
Meine Eltern konnten kaum lesen und haben alles gegeben, damit ich studieren konnte. Für mich ist das kein Zitat, das ist meine Familiengeschichte.
Die Schwachen können niemals verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft der Starken.
— Mahatma Gandhi, 1931
3 Gedanken
Annelie · 8. Dez. 2016
Schwer. Ich ringe seit Jahren damit, jemandem zu verzeihen, und fühle mich dabei alles andere als stark.
M. Baumgartner · 24. Juni 2019
Vielleicht ist das Ringen selbst schon die Stärke, Annelie. Das Nachgeben kommt erst danach.
nachtleser · 3. Apr. 2022
Ich habe meinem Vater verziehen, zwei Monate bevor er starb. Es hat nichts in der Vergangenheit geändert, aber alles in mir.
Könnten wir uns selbst ändern, so änderten sich auch die Tendenzen in der Welt.
— Mahatma Gandhi, 1913
Ohne Groll gegen irgendjemanden, mit Nächstenliebe für alle.
— Abraham Lincoln, 1865
1 Gedanke
H. Vogel · 7. Nov. 2020
In einem Jahr, in dem so viel gespalten wurde, klingt dieser alte Satz fast wie ein Gebet. Ich wünschte, mehr Menschen trügen ihn im Mund.
Behalte stets im Sinn, dass dein eigener Entschluss, erfolgreich zu sein, wichtiger ist als alles andere.
— Abraham Lincoln, 1855
3 Gedanken
Jonas W. · 16. Jan. 2018
Ich lese das jedes Jahr am ersten Schultag meinen Abschlussklassen vor. Nicht das Talent, nicht die Herkunft — der eigene Entschluss.
Lena K. · 9. Mai 2021
Habe gerade meine Ausbildung abgebrochen und fange noch einmal von vorne an. Heute brauchte ich genau diese Erinnerung.
Tobias R. · 30. Okt. 2025
@Lena K. ich hoffe sehr, der Neuanfang hat getragen. Man denkt hier manchmal an fremde Menschen wie an alte Bekannte.
Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben; das vermag nur das Licht. Hass kann Hass nicht vertreiben; das vermag nur die Liebe.
— Martin Luther King Jr., 1963
4 Gedanken
morgenleserin · 18. Jan. 2016
Ganz neu hier und finde es schön, dass ein Blog gerade mit diesem Satz in mein Leben tritt. Dunkelheit kann man nicht wegschütten.
nachtleser · 5. Juni 2018
Leichter gesagt als getan, wenn man den Hass direkt abbekommt. Aber ich habe noch nie erlebt, dass Zurückhassen etwas besser gemacht hätte.
Clara M. · 29. Sept. 2020
Ich habe den Satz meinen Kindern beim Streit erklärt. Das Licht-Beispiel verstehen sie sofort — Dunkelheit kann man ja wirklich nicht wegtragen.
der_wanderer · 11. Dez. 2023
Es ist kein naiver Satz. Es ist der schwerste Weg, den es gibt.
Es ist immer der richtige Augenblick, das Richtige zu tun.
— Martin Luther King Jr., 1964
1 Gedanke
M. Baumgartner · 14. Juli 2019
Kein 'später', kein 'wenn es gerade passt'. Dieser Satz nimmt einem jede Ausrede. Unbequem und gut.
Du musst gerade das tun, von dem du glaubst, es nicht zu können.
— Eleanor Roosevelt, 1960
3 Gedanken
Lena K. · 3. März 2017
Ich habe heute eine Rede vor zweihundert Leuten gehalten, obwohl ich dachte, ich schaffe das nie. Erst danach diesen Satz gelesen. Passt.
buchfink · 20. Aug. 2022
Meine Mutter sagt das sinngemäß seit meiner Kindheit. Schön zu sehen, dass sie Eleanor Roosevelt auf ihrer Seite hat.
K. Brandt · 26. Jan. 2023
Kaum ist es geschafft, wirkt es klein, und man vergisst, dass es einmal unmöglich schien. Beim nächsten Mal fängt der Mut wieder bei null an.
Glück ist kein Ziel; es ist ein Nebenprodukt.
— Eleanor Roosevelt, 1960
Allein können wir so wenig ausrichten; gemeinsam so viel.
— Helen Keller, um 1922
3 Gedanken
Annelie · 2. Okt. 2016
Nach einem Jahr allein am neuen Ort merke ich, wie wahr das ist. Ich suche gerade erst Anschluss — dieser Satz macht Mut.
Jonas W. · 25. Feb. 2020
Im Kollegium erleben wir das täglich. Allein brennt jeder aus, zusammen trägt es sich.
buchfink · 8. Juni 2024
Wir haben als Nachbarschaft letzten Sommer gemeinsam einen kleinen Garten angelegt. Helen Keller hatte recht.
Wo kein Kampf ist, ist kein Fortschritt.
— Frederick Douglass, 1857
2 Gedanken
F. Özdemir · 17. Apr. 2019
Hart, aber ehrlich. Nichts, worauf ich stolz bin, kam, ohne dass ich darum gekämpft habe.
Katharina S. · 9. Feb. 2026
Ich lese Douglass gerade mit meiner Tochter fürs Abitur. Dass dieser Satz von einem Mann kommt, der sich selbst die Freiheit erkämpft hat, trifft sie sehr.
Ich würde mich mit jedem verbünden, um Recht zu tun, und mit niemandem, um Unrecht zu tun.
— Frederick Douglass, 1855
Wer kein Vertrauen in sich selbst hat, ist im Wettlauf des Lebens doppelt geschlagen.
— Marcus Garvey, 1923
1 Gedanke
Tobias R. · 26. März 2021
Zweimal geschlagen — einmal von außen, einmal von innen. Den inneren Gegner unterschätzt man am meisten.
Versuche, ein Regenbogen in der Wolke eines anderen zu sein.
— Maya Angelou, 2008
5 Gedanken
morgenleserin · 29. Juli 2016
Das schönste Bild seit Langem. Ich will heute versuchen, für irgendjemanden dieser Regenbogen zu sein.
stille_leserin · 4. Apr. 2018
Eine Kassiererin hat mir neulich einfach nur zugelächelt und meinen ganzen Tag gedreht. Sie war mein Regenbogen, ohne es zu wissen.
Clara M. · 13. Nov. 2020
Meine Tochter zeichnet überall Regenbögen. Seit ich diesen Satz kenne, sehe ich darin mehr als nur Kinderbilder.
Annelie · 22. Juni 2023
Nach einem grauen Jahr brauchte ich diese Erinnerung, dass man auch im Wolkigen Farbe sein kann.
buchfink · 1. Dez. 2025
@stille_leserin dein Kommentar von damals ist selbst ein kleiner Regenbogen. Ich lese ihn jedes Mal mit.
Du magst viele Niederlagen erleiden, doch du darfst dich nicht besiegen lassen.
— Maya Angelou, 1983
3 Gedanken
altes_heft · 11. Okt. 2017
Den Unterschied zwischen einer Niederlage und besiegt sein habe ich erst spät im Leben gelernt. Angelou bringt ihn in einen einzigen Satz.
Lena K. · 7. Mai 2019
Dritter Anlauf bei der Prüfung. Ich sammle Niederlagen, aber ich bin noch da.
H. Vogel · 18. Feb. 2022
@Lena K. und, hat der dritte Anlauf geklappt? Ich denke manchmal an solche Kommentare und hoffe still mit.
Der Fleiß ist die Mutter des Glücks.
— Miguel de Cervantes, 1605
Ich habe mir das Paradies stets als eine Art Bibliothek vorgestellt.
— Jorge Luis Borges, 1977
5 Gedanken
altes_heft · 3. Mai 2016
Für mich war das schon immer klar. Der Geruch alter Bücher ist das Nächste, was ich dem Himmel kenne.
buchfink · 19. Sept. 2017
Ich arbeite in einer kleinen Stadtbibliothek. Wenn abends das Licht schräg zwischen die Regale fällt, verstehe ich Borges vollkommen.
nachtleser · 28. Jan. 2020
Ein Paradies ohne Bücherstaub wäre für mich keins.
Katharina S. · 6. Juli 2024
Mein Vater ist letztes Jahr gestorben und hat mir seine Bibliothek hinterlassen. Jetzt lese ich mich langsam durch sein Paradies.
altes_heft · 15. Nov. 2025
Seit ich hier mitlese, bleibt dieser Eintrag mein liebster. Ein Leben zwischen Regalen war kein verschwendetes.
Die Zeit ist ein Fluss, der mich fortreißt, doch ich bin der Fluss.
— Jorge Luis Borges, 1946
2 Gedanken
der_wanderer · 12. Aug. 2018
Erst reißt die Zeit einen mit, dann merkt man, dass man selbst der Fluss ist. Borges dreht einem sanft den Kopf.
Clara M. · 30. März 2021
Ich habe lange gegen das Älterwerden gekämpft. Dieser Satz hat mir geholfen, mich nicht mehr als Opfer der Jahre zu sehen.
Die Liebe ist so kurz, das Vergessen so lang.
— Pablo Neruda, 1924
4 Gedanken
stille_leserin · 14. Feb. 2016
Am Valentinstag ausgerechnet dieser Satz. Melancholisch, aber ehrlicher als all die Herzchen da draußen.
nachtleser · 23. Sept. 2019
Neruda kannte den Schmerz. Ich lese das und denke an eine, deren Namen ich immer noch nicht ganz vergessen habe.
Annelie · 5. Juni 2021
Das Vergessen dauert wirklich länger als die Liebe selbst. Niemand warnt einen vorher davor.
Bettina R. · 19. Dez. 2024
Mit sechzig kann ich sagen: Manches vergisst man nie, und das ist auch gut so. Nicht jede lange Erinnerung ist eine Last.
Ich möchte mit dir tun, was der Frühling mit den Kirschbäumen tut.
— Pablo Neruda, 1924
3 Gedanken
Lena K. · 21. Apr. 2017
Der schönste Liebessatz, den ich kenne. Ich habe ihn in meine Hochzeitsrede eingebaut.
M. Baumgartner · 8. Mai 2020
Man muss das zweimal lesen. Erst klingt es leicht, dann merkt man, wie viel Zärtlichkeit und Aufblühen darin steckt.
morgenleserin · 14. Juni 2023
Mein Mann hat mir das heute früh auf einen Zettel geschrieben, nach dreißig Jahren Ehe. Die Kirschbäume blühen noch.
Wanderer, es gibt keinen Weg; der Weg entsteht im Gehen.
— Antonio Machado, 1912
5 Gedanken
der_wanderer · 9. Okt. 2016
Mein Leitspruch, schon bevor ich wusste, dass er von Machado ist. Mein ganzes Leben war ein Gehen ohne fertigen Weg.
Jonas W. · 27. Feb. 2018
Ich zitiere das jungen Leuten, die Angst haben, keinen Plan zu haben. Der Weg entsteht im Gehen — das beruhigt sie.
regentag · 6. Mai 2019
Bei Frühnebel über der Wiese sehe ich oft nur ein paar Schritte weit. Zum Gehen reicht das, der Rest zeigt sich dann schon.
F. Özdemir · 3. Juli 2022
Als meine Familie in ein neues Land kam, gab es keinen Weg. Wir haben ihn mit jedem Schritt selbst gelegt.
Clara M. · 16. Nov. 2025
Caminante, no hay camino. Ich spreche kein Spanisch, aber diese Zeile habe ich mir gemerkt. Sie geht einfach mit.
Sei deines Traumes würdig.
— Octavio Paz, um 1950
1 Gedanke
Tobias R. · 4. Apr. 2020
Vier Worte, die mehr verlangen als ganze Ratgeber. Nicht nur träumen — es sich auch verdienen.
Die Einsamkeit ist die tiefste Tatsache der menschlichen Existenz.
— Octavio Paz, 1950
2 Gedanken
nachtleser · 21. Nov. 2019
Ich lebe allein und habe lange gedacht, mit mir stimme etwas nicht. Paz sagt: Nein, das ist einfach der Grund, auf dem wir alle stehen.
Bettina R. · 7. Sept. 2024
Einsamkeit und Alleinsein sind zweierlei. Erst spät habe ich gelernt, die tiefe Stille in mir nicht mehr zu fürchten.
Sich gewöhnen heißt schon beginnen, nicht mehr zu sein.
— Miguel de Unamuno, 1912
Wir machen uns vieler Irrtümer und Versäumnisse schuldig, doch unser schlimmstes Verbrechen ist es, die Kinder im Stich zu lassen.
— Gabriela Mistral